Studienbeginn - eine neue Lebenssituation.

Das Tutorium "Erstsemesterprojekt zur Studienorientierung"

Petra Väth, Georg Peez, Michael Schacht

 
Abb. 1 Vorbereitungsphase zur Performance "Raum-Klang-Bewegung" im Hof des Instituts für Kunstpädagogik

Wir möchten einen Beitrag zur hochschuldidaktischen Diskussion leisten. Hierfür greifen wir Gedanken Wolfgang Leglers auf, der dafür plädiert, Sensibilität für die Probleme kunstpädagogischen Alltags zu gewinnen (Legler 1994). Wenn gegenwärtig der selbstverantwortete und kreative Eigenanteil der Menschen an ihrem (ästhetischen) Bildungsprozeß immer mehr betont wird, sollten auch Hochschulen Wege finden, die diesen Aspekt institutionell fördern und deutlich machen.

Versuche in diese Richtung werden seit 1988 am Institut für Kunstpädagogik der J. W. Goethe-Universität in Frankfurt/M. unternommen. Seitdem bereitet jeweils eine Gruppe von Studentlnnen zum Wintersemester ein "Einführungswochenende für Studienanfängerlnnen" vor, führt es durch und wertet es aus. Durch Mittel aus dem "Programm zur Verbesserung der Lehre an hessischen Hochschulen" des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst wurde die Veranstaltung 1994 erstmals als Tutorium finanziert und mit einem Verbrauchs- und Materialkostenzuschuß ausgestattet (vgl. Anm.).

Ankündigungstext im Vorlesungsverzeichnis: "Einführungswochenende für StudienanfängerInnen:
Zu Beginn eines Studiums spielt der Gedanke an die spätere berufliche Tätigkeit in der Regel noch keine Rolle. Aber es wird wichtig sein, in der Planung des Studiums die unterschiedlichen Lehrangebote so zu verknüpfen, daß man Ideen und Fertigkeiten für berufliche Tätigkeit erwirbt. Aus der Erfahrung heraus, daß viele StudentInnen lange Zeit nicht wissen, mit welchen Zielvorstellungen sie studieren, entstand das Konzept für diese Einführungsveranstaltung. In praktischen Übungen, Erkundungen und Spielformen werden Themenbereiche des Faches, berufliche Perspektiven und die Struktur des Studiums erschlossen."

Abb. 2 Klangerprobung vor der Performance Abb. 3 Umhüllung als Teil der Performance

 

1. Tag: Nähe ermöglichen

Den Einstieg am Freitagnachmittag hat das sechsköpfige Tutorlnnenteam unter folgende Leitgedanken gestellt: Ankommen am Institut. Kennenlernen. Nähe schaffen. Um diese Ziele zu erreichen, wurde nach dem Eintreffen und der Begrüßung ein Kennenlernspiel durchgeführt. das gleichzeitig eine Aufteilung der 29 Erstsemesterstudentlnnen in vier etwa gleichgroße Gruppen ermöglichte. Die Teilnehmerlnnen zogen verdeckt Karten, auf denen je einer von vier Begriffen geschrieben war. Durch Umschreibungen, Pantomime u.ä. haben sich die vier Gruppen gefunden, lockerte sich die Stimmung merklich. Im anschließenden Rollenspiel wurden die Studienanfängerlnnen angeregt, folgende Konstellation szenisch darzustellen: Im Jahre 2014 trifft man sich in einem Café zum zwanzigjährigen Jubiläum des gemeinsamen Studienbeginns wieder. Durch die Schilderung eines hypothetischen Lebenswegs wurde ein Nachdenken über das Fach und ein mögliches Berufsziel angeregt. Eine gesellige Situation wurde im Anschluß u.a. zum Informationsaustausch zwischen den Studentlnnen, Tutorlnnen und den teilnehmenden Institutsmitarbeiterinnen über die Studienplanung genutzt. Den Abschluß des Freitags bildete eine gemeinsame Reflexion. Solche Reflexionsphasen sind wichtig, um das didaktische Konzept des Tutorlnnenteams transparent zu machen und den Studienanfängerlnnen die Möglichkeit zu geben, dieses Konzept nachzuvollziehen und zu hinterfragen.

Abb. 4 Umhüllung der Beteiligten bei der Performance

 

2. Tag: Künstlerische Übungen

Der zweite Tag wurde durch recht offene Aufgabenstellungen geprägt. Als Anregung für künstlerische Einzel- und Gruppenarbeit mit verschiedenen teils traditionellen, teils innovativen Mitteln und Medien, die auch das spätere Studium bestimmen (z.B. plastisches Arbeiten, Malerei, Zeichnung, Video, Aktionskunst, Rauminstallationen), gab das Tutorlnnenteam die Themen "Labyrinth", "Leere füllen" und "Raum - Klang - Bewegung" vor.

Die Gruppe "Labyrinth" suchte sich für ihr Thema das verwinkelte Kellergewölbe des Institutsgebäudes aus und konnte mit verschiedenen Medien wie Video, Ton, Licht und vorgefundenen Materialien arbeiten, um die zur Verfügung stehenden Räume zu gestalten. Einzel- und Gruppenarbeit konnten parallel laufen, jedoch mußte die Präsentation vor der Gesamtgruppe als Bestandteil der Arbeit abgestimmt werden. Die Gesamtgruppe hatte bei der Präsentation Zeit, die im abgedunkelten Kellergewölbe aufgebauten Installationen zu entdecken, sich mit ihnen zu beschäftigen. "Labyrinth" endete mit einer Performance, in der die Assoziationen zum Thema verbal und szenisch dargestellt wurden.

"Leere füllen" fand in einem Arbeits- und Seminarraum des Instituts, einem alten Fabrikgebäude, statt, wo ebenfalls Kleingruppen-, aber auch Einzelarbeit möglich war. Um sich dem Thema zu nähern, wurden der eigentlichen Arbeit kreativitätsfördernde Übungen, z.B. Brainstorming, Assoziationsketten zu Begriffen, deren zeichnerische Umsetzung und Pantomine, vorangestellt.

Arbeitsmaterialien und -techniken konnten je nach Verfügbarkeit frei gewählt werden. Die Präsentation der entstandenen Objekte realisierte die Gruppe in Form einer "Ausstellung".

Bei "Raum-Klang-Bewegung" im Hof des Instituts ging es darum, sich mit ungewöhnlichen Materialien und dem eigenen Körper dem Thema zu nähern. Das begann mit der Suche nach Fundstücken, die sich ohne Rücksicht auf ihren ursprünglichen Zweck durch Klangfähigkeit auszeichnen, und wurde durch den Auftrag ergänzt, einige Gedanken zum Studienbeginn zu notieren, die in der späteren Performance zum Ausdruck kommen sollten. Die Gruppe besprach die einzelnen Ansätze und integrierte sie in ein themenbezogenes Konzept. Bei der anschließenden Präsentation dienten die entstandenen Klangobjekte dazu, die Zuschauer nach und nach in die Aktion und Klangerzeugung einzubeziehen.

Parallel zur offenen Aufgabenstellung wurde ein recht strenger Zeitplan für den Tagesablauf vorgegeben, um die Studienanfängerlnnen auch auf ein gewisses Zeitmanagement aufmerksam zu machen, das im Studienalltag unerläßlich ist.

 

3. Tag: Erkundungen außerhalb der Universität

Der Sonntag galt dem Kennenlernen von Tätigkeitsbereichen außerhalb der Universität. Die Recherche innerhalb eines bisher weitgehend fremden Sach- und Arbeitsgebietes sollte den Blick der Teilnehmerlnnen erweitern. Dazu traf man sich am Stadtrand von Frankfurt bei den Großmarkthallen am Osthafen, einer zumindest im üblichen touristischen Sinne unattraktiven Gegend, in der kaum jemand kunstpädagogische Arbeit erwartet und wo sie doch besonders wichtig sein kann. Es bildeten sich drei Gruppen mit je sechs bis acht Studierenden, die sich im weiteren Umkreis ihre Orte suchten. Als Hilfe zur veränderten Wahrnehmung der Gegend wurden zwei Musikstücke (von Haydn und "Art of Noise") sowie zwei Texte (von Rilke und Skacal) verteilt. Nach einer einstündigen Arbeitsphase hatten die Gruppen jeweils 20 Minuten Zeit, den restlichen Teilnehrnerlnnen eine gemeinsame Aktion darzubieten. Wichtig war, daß in jeder Gruppe je ein Mitglied beauftragt wurde, den gruppendynamischen Prozeß während der Arbeitsphase zu beobachten. Die Berichte dieser Studentlnnen intensivierten die abschließende Diskussion über auftretende Schwierigkeiten und kunstpädagogische Bezüge der Übungen.

Den Abschluß des Wochenendes bildete eine offene Gesprächsrunde in einer Gaststätte, in der die Teilnehmerlnnen das komplette Wochenende reflektierten.

Am gegenwärtigen Auswertungsprozeß innerhalb des Tutorlnnenteams nimmt bereits eine aktive Erstsemestergruppe teil. Eine institutsöffentliche Präsentation und Diskussion des Verlaufs und der Ergebnisse des Einführungswochenendes fand zu Beginn des folgenden Semesters statt.

 

Begründungen

Unter den Gesichtspunkten der Verbesserung der Studiensituation, der Einbindung der Studierenden, der Offenheit für Evaluationsmaßnahmen, der Vernetzung auch fachübergreifender Studienangebote läßt sich das Erstsemesterprojekt differenzierend beschreiben.

(1) Mit einem solchen Studienbeginn wird die Eigeninitiative der Studienanfängerlnnen zur Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Methoden des Faches gestärkt. Die Tutorlnnen aus den höheren Semestern erfahren die Praxis von Bildungsarbeit real. Die Sensibilität für didaktische Probleme in der Kunst- und Kulturpädagogik wird geschärft Handlungskompetenzen entwickeln sich.

(2) Ziel dieses Einführungswochenendes für Studienanfängerlnnen ist nicht primär ein perfekt durchorganisierter und harmonischer Ablauf. Neben Erfolg und positivem Zuspruch soll auch der Umgang mit Unsicherheiten und Meinungsverschiedenheiten von allen Beteiligten erfahren und thematisiert werden. Dazu gehören inhaltliche und intersubjektive Differenzerfahrungen.

(3) Der Erfahrungsaustausch zwischen der Studentlnnen, Tutorlnnen und den teilnehmenden pädagogischen bzw. wissenschaftlicher Mitarbeiterlnnen des Instituts unterstützt und fördert fachbezogene Dialoge. Im Ernstfall bewährt sich die kunstpädagogische Arbeit der Studentlnnen auch institutsintern. Durch aktives erfahrungsbezogenes Kennenlernen eines Praxisfeldes außerhalb der Universität werden bereits früh Übersetzungsleistungen sowie Korrelationen von Theorie und Praxis angeregt.

(4) Die Studienanfängerlnnen sind in das Institut integriert, noch bevor sie an der ersten regulären Veranstaltung eines Hochschullehrenden teilnehmen. Sie werden mit dem Gebäude und seinen Räumen, Ateliers und Werkstätten vertraut. Von den Erfahrungen der studentischen Tutorlnnen - etwa mit der Studienorganisation - können die Studienanfängerlnnen direkt profitieren.

(5) Die Vertretung studentischer Interessen am Institut wird gestärkt. Viele der studentischen Vertreterlnnen in den Selbstverwaltungsgremien haben an den Einführungswochenenden teilgenommen und dort gelernt, nicht nur zu kritisieren, sondern auch selbst mit anzupacken.

(6) Der Berliner Soziologe Dietmar Kamper, der sich vornehmlich mit Ästbetik und den Phänomenen der Wahrnehmung auseinandersetzt, sagt in einem Interview: "Das, was die Studenten zu lernen haben, entspricht niemals dem, was die Professoren zu lehren haben. Und umgekehrt: Es gibt eine unüberbrückbare Kluft zwischen Studium und Lehre, die sich in unplanbaren, unwahrscheinlichein Brückenschlägen schließt. Die Situation, in der diese Unmöglichkeit auftritt, das ist der fruchtbare Moment." (Kamper 1993, S. 43f) Zu einem solchen Brückenschlag setzt unser Erstsemesterprojekt an.

 

Anmerkung

Christoph Harwart initiierte als "Lehrkraft für besondere Aufgaben" die Einführungsveranstaltung 1988 als Blockseminar zu Studienbeginn. Dr. Hanne Seitz entwickelte dessen Formen mit den Studentlnnen weiter. Ihr ist die Etablierung als Tutorium mit finanzieller Unterstützung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst mit zu verdanken. Gegenwärtig arbeiten die Tutorlnnen mit Barbara Vogt und Dr. Georg Peez an der Weiterführung und Neukonzeption. Das Projekt stand und steht unter der wissenschaftlichen Betreuung von Prof. Dr. Adelheid Staudte. Ohne das Engagement vieler Studentlnnen über Jahre hinweg gäbe es eine solche Veranstaltung nicht.

Wir sind am direkten Erfahrungsaustausch mit ähnlichen Tutorien und Projekten interessiert: Petra Väth, Michael Schacht, Georg Peez; J. W. Goetbe-Universität, Institut für Kunstpädagogik; Sophienstraße 1-3, 60054 Frankfurt / M.

 

Literatur

Below, Irene: Das Fach Künste am Oberstufen-Kolleg in Bielefeld. In: BDK-Mitteilungen Heft 4, 1994, S. 4-5

Kamper, Dietmar: "Zwischen der Logik des Selben und der Wahrnehmung des Anderen". Interview mit Dietmar Kamper am 26.2.1993. In: Kunst + Unterricht, Heft 176, S. 42-47

Legler, Wolfgang: Liebe Kolleginnen und Kollegen! In: BDK-Mitteilungen Heft 3, 1994, S. 3

 

Abbildungslegenden

Abb. 1 Vorbereitungsphase zur Performance "Raum-Klang-Bewegung" im Hof des Instituts für Kunstpädagogik

Abb. 2 Klangerprobung vor der Performance

Abb. 3 Umhüllung als Teil der Performance

Abb. 4 Umhüllung der Beteiligten bei der Performance


Bibliografische Angaben zu diesem Text:

Peez, Georg / Schacht, Michael / Väth, Petra: Studienbeginn - eine neue Lebenssituation. Das Tutorium "Erstsemesterprojekt zur Studienorientierung". In: BDK-Mitteilungen, Fachzeitschrift des Bundes Deutscher Kunsterzieher e. V., Heft 4, November 1995, S. 9 - 11


Michael Schacht (http://www.michaelschacht.de)
Georg Peez (
http://www.georgpeez.de)

Zuletzt geändert am17.04.2003