Die eigene Wahrnehmung spüren

Wahrnehmungsbewegungen in Pädagogik und Kunst -
exemplarisch dargestellt an einer Anamorphose von Markus Raetz

Georg Peez / Michael Schacht

 

Die ästhetischen Anteile am Bildungsprozeß rückten in den letzten Jahren zunehmend in den Blickpunkt erziehungswissenschaftlicher Diskurse (u.a. Lenzen 1990; Schulz 1993; Koch 1994; Mollenhauer 1996; Peez 1996). Der vieldeutige Begriff der Ästhetik wird im folgenden im Sinne des Bedeutungselements spezifischer Anteile in unserer Wahrnehmung angewendet: Ästhetische Anteile der Wahrnehmung verweisen nicht auf Wahrnehmung an sich, also nicht darauf, daß beispielsweise ein Gegenstand rot ist. Ästhetische Anteile der Wahrnehmung beziehen sich hingegen auf Zusammenhänge und Kontraste, auf Harmonien und Korrespondenzen im Wahrnehmungsprozeß (Welsch 1996, S. 28). Ästhetisch betrachtet ist ein Gegenstand also nicht einfach rot, sondern Rot verweist auf Beziehungen zu anderen Farben. Rot weckt affektive und bewußte Bedeutungen im Betrachter.

Nicht nur neue virtuelle Wirklichkeitsebenen, wie 3-D-animierte Bilder und Filmsequenzen am Computer zu Hause, das Tamagotchi oder der Cyber-Space, sind vor allem für Heranwachsene faszinierend und alltäglich erlebbar, sondern ein häufigeres Changieren zwischen stets komplexer werdenden Wirklichkeitsebenen stellt zunehmend hohe Ansprüche an die ästhetischen Wahrnehmungsvermögen. Die Schulung der ästhetischen Anteile der Wahrnehmung wird immer bedeutsamer. Denn Wahrnehmung passiert nicht nur "mitgängig", sondern sollte als prozeßhaft, bewußt und beeinflußbar erlebt werden. Der Begriff "Schulung" verweist darauf, daß die ästhetischen Anteile von Bildungsprozessen auch in der Schule verstärkt ihren Platz erhalten sollten. Die ästhetischen Anteile der Wahrnehmung, ihre Bedingungen und Voraussetzungen, können zwar theoretisch erörtert werden. Schule sollte jedoch zudem Räume dafür bieten, die subjektiven und kontextbezogenen ästhetischen Wahrnehmungsprozesse auch körperlich spürbar zu machen und bewußt werden zu lassen.

Im folgenden wird anhand von drei Beispielen aus der Bildenden Kunst erörtert, wie den ästhetischen Wahrnehmungsprozessen innerhalb von Bildungsprozessen aktiv nachgespürt werden kann - mit anderen Worten: Welche Bedeutung der Kunstbetrachtung im Bildungsprozeß unter aktuellen Gesichtspunkten zukommen kann.

 
Abb. 1: Hans Holbein d.J.: "Die Gesandten", 1533. Öl auf Holz (207 x 210 cm) (National Galery, London) Abb. 1a: Detail, seitlich betrachtet, schräg verkürzt: Hans Holbein d.J.: "Die Gesandten", 1533. Öl auf Holz (207 x 210 cm) (National Galery, London)  

Anamorphosen

Anamorphosen sind verzerrte Bilder, die zu Beginn der Renaissance zum ersten Mal in der bildenden Kunst aufkamen. Betrachtet man z.B. das Gemälde Hans Holbeins d.J. (1497 - 1543) von 1533 (Abb. 1) aus dem normalen Blickwinkel, d.h. von vorne, sieht man unterhalb der zwei Gesandten einen verzerrten realitätsfernen Bildausschnitt ohne erkennbaren, höchstens schemenhaft erahnbaren Inhalt. Die fehlende Assoziationsmöglichkeit mit Bekanntem verunsichert den Betrachter. Eine ungewohnte Veränderung des Blickwinkels ist nötig: Denn erst mit einem seitlichen schrägen Blick auf das Gemälde erscheint aufgrund der Verkürzung ein 'bekannter' Ausschnitt von Wirklichkeit - in Holbeins Gemälde ein Totenschädel. Dieser Schädel verweist als Vanitas-Symbol inmitten all des Prunks und der Geräte zur naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung auf die Vergänglichkeit des Dargestellten, des Reichtums und auf den Zweifel an menschlichem Wissen. Hat man dieses 'Geheimnis' gelüftet, besteht der Reiz des Schauens nun eher darin, mit dieser neu erworbenen Erkenntnis die ursprüngliche Sichtweise wieder einzunehmen, die verzerrte Form zu betrachten und das Ganze in der Phantasie zusammenzufügen.

Abb. 2: Leonardo da Vinci: anamorphotisches Kinderbildnis, um 1500, Zeichnung (Codex Atlanticus, Mailand, Biblioteca Ambrosiana)

 

Im Gegensatz zur Metamorphose, dem völligen Gestaltwandel, thematisiert die Anamorphose die Verzerrung und Entzerrung einer Gestalt durch Wahrnehmung. Seit der Renaissance gelten anamorphotische Bilder als Symbole für die zeitweilige Infragestellung traditioneller Ordnungsprinzipien. Als Erfinder der Anamorphose gilt Leonardo da Vinci (1452 - 1519). In seinem 'Codex atlanticus' finden sich Linien (Abb. 2), die in der Bildebene von links betrachtet, sich zum Bildnis eines Kindergesichts zusammenziehen (Lanners 4 1982, S. 52). Anamorphosen zeigten durch Ironie, Satire und optisches Spiel - seitlich betrachtet - eine 'wirklichkeitsgetreue Illusion'. Weil Anamorphosen stark verunsicherten, wurden ihnen z.T. magische Kräfte zugeschrieben.

Anamorphosen verursachen Zweifel an der eigenen Wahrnehmung, denn Anamorphosen machen leiblich erfahrbar, daß unsere Wahrnehmung variabel, zweifelhaft und standpunktabhängig ist, daß unsere Wahrnehmungsbewegungen subjektiv weltordnend sind.

Abb. 3: Markus Raetz: "Reflexion", 1985-1988.
Sieben Aststücke aus Bruyère-Holz, ein Rundspiegel
(Museum für Moderne Kunst, Frankfurt a.M.)

 

Eigenbewegungen

Der Künstler Markus Raetz, 1941 in Bern, Schweiz, geboren, erforscht und konstruiert solche Anamorphosen, er spielt mit seiner eigenen und unserer Wahrnehmung als Ausdruck von Prozeßhaftigkeit. Reicht bei zweidimensionalen Anamorphosen, wie Holbeins Gemälde, noch eine Kopfbewegung bzw. ein Kippen des Bildes zur Auflösung der Verzerrung, ist das Bewegungselement bei Raetz von weitaus zentralerer Bedeutung. Beim Betrachten seiner Anamorphosen wird man Teil des Konzepts. Die Eigenbewegung des Betrachters ist nötig, um das Spiel ins Rollen zu bringen. Aus der scheinbar zufälligen Anordnung der Elemente, etwa von Stöckchen an der Wand (Abb. 3), fügt sich durch Eigenbewegung und Beobachtung plötzlich in einem neben den Stöckchen angebrachten Rundspiegel ein Gesichtprofil, so daß alles doch an seinem Platz zu sein scheint. Ist der 'richtige' Standpunkt erst einmal gefunden, ist es jedoch kein Gewinn, dort zu verharren. Gerade der Bereich der nahen Auflösung bzw. Zusammenfügung der einzelnen Teile zu einem Ganzen entpuppt sich als das spannungsreichste Gebiet, auf dem man sich fasziniert hin und her bewegt und den Eindruck hat, die eigene Wahrnehmung zu spüren. Man beobachtet gewissermaßen die eigene Beobachtung, ergötzt sich am verändernden Objekt, welches man selbst verursacht. Hier wird das Phänomen spürbar, welches der Naturwissenschaftler Friedrich Cramer mit der Metapher einer Bewegung "am Rande des Chaos" (Cramer 1993, S. 101) charakterisiert. Diese Kippmomente zwischen vollendeter Harmonie und Chaos sind konsitutiv für Produktions- und Rezeptionsprozesse nicht nur in der bildenden Kunst. Sie machen uns darauf aufmerksam, daß der Betrachter jeweils am Rezeptionsprozeß aktiv und konstitutiv beteiligt ist. Wir werden offenbar dort am stärksten ergriffen, wo wir Ordnung freiwillig aufs Spiel setzen. Ein solch spannungsreiches Tun ist nicht ohne Risiko, denn die Orientierung kann uns hierbei durch Wechsel des Standpunktes zeitweise verlorengehen. Umso größer ist unser Glücksgefühl, die Grenzen auszuloten und neue Grenzen zu finden. "Neues entsteht beim Durchgang durch chaotische Zonen. Kunstschöpfung ist ein Akt in größtmöglicher Nähe zum 'Gerade-noch-nicht-Chaos'." (Cramer 1993, S. 102)

Wahrnehmung wandelt sich von einem Abbildungsverständnis zu einer teilhabenden Bezugnahme. Hier wird die Wahr-Nehmung zur Eigen-Gebung (Scheffler 1994, S. 6). Die Eigenbewegung entscheidet darüber, was man wahrnimmt. Nicht das Objekt steht im Mittelpunkt, sondern die Interaktion des sich bewegenden Betrachters mit dem Werk.

 

Bewegungsfreiheit

Viele von Markus Raetz' Anamorphosen fügen sich aus einem bestimmten Blickwinkel gesehen zu einer Figur zusammen. Die im Werk 'Reflexion' an der Wand über Augenhöhe befestigten Holzstückchen können hingegen unmöglich so angeschaut werden, daß sie einen erkennbaren Sinn, ein Bild ergeben: Die anamorphotische Un-Ordnung der An-Ordnung läßt sich nicht ohne Hilfsmittel 'in Ordnung bringen'. Erst der Blick in den daneben angebrachten Rundspiegel ermöglicht einen virtuellen Standpunkt, von dem aus man die Möglichkeit hat, aus dem unzusammenhängenden Wirrwarr von Aststückchen einen Kopf im Halbprofil zu konstruieren, der - gespiegelt - ein Abbild der Realität darstellt.

Hier treffen sich Verwandlung und Verzerrung auf faszinierende Weise; das Medium des Spiegels vollendet als Hilfsmittel die real nicht vollziehbare Anamorphose. Es entsteht eine Leerstelle, die nur durch den Blick in den Spiegel überbrückt werden kann und doch in einem Blick zusammen mit dem daneben befindlichen 'Original' erfaßt wird. Raetz' Arbeiten machen Betrachtende zu aktiv Teilhabenden. Ohne die Eigenbewegung erschließt sich das Werk dem Betrachtenden nicht, und auch nach der Erfahrung des 'Aha-Effekts', durch das Finden des 'richtigen' Standpunktes, bleibt das spielerische Vergnügen, auf diesem Grat zu verweilen, an dem sich Ordnung in Chaos aufzulösen beginnt. Raetz' Werke zeigen aber auch, daß 'scheinbare' Verzerrungen über eine Spiegelung bzw. Veränderung des eigenen Blickwinkels eine mögliche Entzerrung erfahren können. "Denn in der einsamen Begegnung mit all seinen visuellen Charaden erkennen wir, daß die Illusion nicht notwendigerweise eine Sinnestäuschung sein muß, und wir sehen auch, daß die Indifferenz ein hohes Maß an Entscheidung impliziert." (Wechsler 1989, S. 11)

 

Gegenbewegungen

Raetz' Anamorphose verweist uns auf eine der dominantesten, sich zum Teil fatal auswirkenden Entwicklungen unserer westlichen Kultur: die Verlagerung von Kunst und Kultur vom Körper in den Kopf, bzw. in einen körperlosen Kopf. Die Sinne nehmen in diesem Modell nur noch passiv auf, Sinn und Bedeutung werden im Kopf konstruiert. Wahrnehmung wird entmaterialisiert. Worum es Raetz jedoch geht, ist den körperbezogenen Nuancenreichtum von Wahrnehmen, Erfahren und Denken leiblich erlebbar zu machen. Auf der Grundlage einer evolutionären Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorie lassen sich weitreichende ästhetische Konsequenzen im Sinne einer 'Ästhetik der Existenz' lebenspraktisch ziehen, die der Physiker und Biologe Heinz von Foerster folgendermaßen postulierte: "Der ästhetische Imperativ: Willst du sehen, so lerne zu handeln." "Der ethische Imperativ: Handele stets so, daß die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird." (Foerster 1985, S. 41) Durch die Beobachtung und das Erspüren unserer eigenen Wahrnehmung ist die Chance gegeben, uns von traditionellen, fixierten Wahrnehmungsweisen zu lösen. Wir können unsere Wahlmöglichkeiten erhöhen, um die Voraussetzungen für ein auf Veränderung gerichtetes Denken und Handeln zu schaffen.

 

Impulse für Erziehung und Bildung

Entscheidende Voraussetzung für die Stärkung der autonomen Anteile der Wahrnehmung, ist das bewußte Erleben der ästhetischen Anteile in Wahrnehmungsprozessen. Wahrnehmung ist somit auch im Bildungsbereich als eine aktiv beeinflußbare gestaltbare Eigenbewegung zu verstehen, mit der wir für uns die Welt selektieren, strukturieren und ordnen.

Im Umgang mit Markus Raetz' Anamorphosen werden wir auf die elementaren Grundlagen ästhetischer Erziehung verwiesen, wie sie Hartmut von Hentig konturierte: "'Ästhetische Erziehung' heißt Ausrüstung und Übung des Menschen in der Aisthesis - in der Wahrnehmung." (v. Hentig 1967/1987, S. 71) Drei Aspekte benannte er konkret: (1) Wir sollten den Festlegungen in unserer Wahrnehmung, z.B. durch Sprache, Vorurteile und Gewohnheiten, gewahr werden. (2) Bisher versäumte Ausweitungen der Wahrnehmung sollten aktiv und gestaltend erkundet werden. (3) Die Notwendigkeiten dieser Wahrnehmungserkundungen sollten in ihren Bedeutungen untersucht und begründet werden (v. Hentig 1967/1987, S. 71, 75).

Während v. Hentig auf der Ebene der abstrakten Forderung verharrte, lassen sich diese Intentionen zum einen anhand des Werks von Raetz praxisnah und handlungsorientiert verfolgen. Zum anderen ist mittels der Herstellung eines eigenen in Kleingruppen zu ergestaltenden anamorphotischen Objekts für Schülerinnen und Schüler (Goy 1995; Walch 1997) vor allem die variable Konstitution von Wahrnehmung direkt beeinflußbar und erfahrbar, aber nicht unbedingt immer voraussehbar. Die Kleingruppe ermöglicht den Austausch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den ästhetischen Anteilen der Wahrnehmung. Dies kann zum Abwägen und Ausprobieren unterschiedlicher bildnerischer Lösungen führen. Wahrnehmung wird hierdurch im Sinne der Optionen des Neu-Ordnens als unmittelbar sinnlich gestaltbar und reflektierbar erlebt - eine Kompetenz, die unverzichtbar ist.

 

Literatur

Cramer, F.: Schönheit als dynamisches Grenzphänomen zwischen Chaos und Ordnung - ein Neuer Laokoon. In: Niedersen, U. / Schweitzer, F. (Hg.): Selbstorganisation, Band 4, 1993, S. 79-102

Foerster, H.v.: Sicht und Einsicht, Braunschweig 1985

Goy, O. H.: Die Entzauberung des Magischen Auges. In: Kunst + Unterricht, Heft 194, 1995, S. 1-15

Hentig, H. v.: Ästhetische Erziehung im Politischen Zeitalter (1967). In: Hentig, H. v.: Ergötzen, Belehren, Befreien. Schriften zur ästhetischen Erziehung. Frankfurt a.M. 1987

Koch, L. (Hg.): Pädagogik und Ästhetik, Weinheim 1994

Lanners, E.: Illusionen, München 4 1982

Lenzen, D. (Hg.): Kunst und Pädagogik, Darmstadt 1990

Mollenhauer, K.: Grundfragen ästhetischer Bildung, Weinheim / München 1996

Peez, G.: Pädagogik im Bilde. In: PÄD Forum, Heft 2, April 1996, S. 172 - 179

Scheffler, B.: Im Auge das Leben. In: BDK-Mitteilungen, Heft 3, 1994, S. 4 - 8

Schulz, W.: Wann ist ästhetische Erfahrung bildungsrelevant? In: Kunst + Unterricht, Heft 177, 1993, S. 16 - 19

Walch, J.: Anamorphosen. In: Walch, J.: Fertig ausgearbeitete Unterrichtsbausteine für das Fach Kunsterziehung, Bad Kissingen 1997, S. 4/9.2 1 - 18

Wechsler, Max: Das Bild vom Bild im Bild des Bildes. In: Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, München 1989

Welsch, W.: Grenzgänge der Ästhetik, Stuttgart 1996

 

Abbildungen

Abb. 1: Hans Holbein d.J.: "Die Gesandten", 1533. Öl auf Holz (207 x 210 cm) (National Galery, London)

Abb. 2: Leonardo da Vinci: anamorphotisches Kinderbildnis, um 1500, Zeichnung (Codex Atlanticus, Mailand, Biblioteca Ambrosiana)

Abb. 3: Markus Raetz: "Reflexion", 1985-1988. Sieben Aststücke aus Bruyère-Holz, ein Rundspiegel (Museum für Moderne Kunst, Frankfurt a.M.)


Bibliografische Angaben zu diesem Text:

Peez, Georg / Schacht, Michael: Die eigene Wahrnehmung spüren. Wahrnehmungsbewegungen in Pädagogik und Kunst - exemplarisch dargestellt an einer Anamorphose von Markus Raetz. In: PÄD-Forum, Heft 2, April 1998, S. 170 - 173


Michael Schacht (http://www.michaelschacht.de)
Georg Peez (
http://www.georgpeez.de)

Zuletzt geändert am 13.04.2003