Hetzjagd durchs Museum - ein kunstgeschichtliches Computerspiel

 Artus ist eine kleine Maus, die mit ihren Eltern in einem Kunstmuseum wohnt. Beim Erkunden von Artus' Wohnraum "befreien" die Spielenden unbeabsichtigt ein Phantom, das daraufhin damit beginnt, die Gemälde im Museum zu zerstören. Zusammen mit Artus muss man nun versuchen, das Phantom aufzuspüren und dingfest zu machen. Per Überwachungskamera kann man herausfinden, welche Bilder bereits beschädigt sind und mit Artus zusammen in das Bildgeschehen eintauchen. Dort gilt es, verschiedene Rätsel zu lösen, um die Schäden zu reparieren und dem Verursacher der Zerstörung immer einen Schritt näher zu kommen.

Artus jagt das Kunst-Phantom. Berlin (Cornelsen Verlag) 2001, ca. 39,95 Euro, Hybrid CD-ROM für PC und Mac, http://www.cornelsen.de

Neben den inzwischen zahlreichen Edutainment-Veröffentlichungen zu verschiedenen Künstlerinnen, Künstlern und Kunstrichtungen sowie umfangreichen Bilddatenbanken ist "Artus jagt das Kunst-Phantom" die wohl einzige CD-ROM auf dem Markt, die sich Werken der bildenden Kunst über ein Spielgeschehen nähert, wie es Kinder aus anderen Bereichen des Genres "Computerspiele" her kennen. Eine spannende Rahmenhandlung, 26 Gemälde, die erkundet werden wollen sowie die darin versteckten recht kniffligen und abwechslungsreichen Spiele und Rätsel versprechen Langzeit-Spielspaß. "Nebenbei" erhalten die 7-12-Jährigen, die als Zielgruppe gelten, durch den Erzähler noch einige kunstgeschichtliche Hintergrundinformationen über die Kunstwerke. Diese Angaben lassen sich in ausführlicherer Form auch ausdrucken. Die Gemälde selbst (Frührenaissance bis Klassische Moderne) treten dabei leider etwas in den Hintergrund; man kann weder in einzelne Bildbereiche hineinzoomen noch lassen sie sich abspeichern oder ausdrucken.

Sobald die Kinder mit Artus in die Gemälde eingetaucht sind, werden diese in comicartiger Manier animiert. Die dargestellten Personen beginnen sich zu unterhalten oder mit Artus über ihre jeweilige Situation zu sprechen. Diese Idee ist gut umgesetzt, sie bietet eine für Kinder eine angemessene und kreative Herangehensweise an die Werke. Die zu lösenden Rätsel sind kurzweilig und enthalten beispielsweise Computerspiel-Elemente wie "jump&run" oder das Einsammeln von Gegenständen zwecks späterer Verwendung sowie Anteile bekannter Lege- und Strategiespiele im Stile von „Memory“ oder "Mastermind". Manchmal müssen den Protagonisten der Gemälde Stimmen zugeordnet werden oder man muss in verschiedenen Bildern Puzzlestücke suchen, um daraus später Picassos "Geige" zusammenzusetzen. Der Schwierigkeitsgrad der Rätsel ist sehr unterschiedlich; während für 7-Jährige einige Aufgaben eine Überforderung darstellen, dürften dagegen auch 13- und 14-Jährige ihren Spaß mit Artus haben.

Im beiliegenden Handbuch werden die Bestandteile der Navigation und der Bedienoberfläche erklärt. Es mach Sinn, dieses durchzulesen, da innerhalb des Spiels keine weiteren Erklärungen zur Handlung folgen; dort ist man auf den eigenen Entdeckergeist angewiesen. Dem Titelmotto "Spielerisch die Kunst entdecken" wird diese spannende und auch grafisch ansprechend umgesetzte Produktion leider nicht ganz gerecht. Auch wenn die Kinder "ohne pädagogischen Zeigefinger" (Pressetext) an die kunstgeschichtliche Thematik herangeführt werden sollen - die Malereien in den sechs Räumen sind weder nach Epochen noch thematisch geordnet und Verbindungen zwischen den Gemälden innerhalb des Spielgeschehens bleiben ohne tieferen Sinn auf einer rein dem Spielverlauf zuträglichen Ebene. Wenn beispielsweise Vermeers "Astronom" zur Lokalisierung und Rettung von Géricaults Schiffbrüchigen auf dem "Floß der Medusa" einen Himmelsglobus benötigt, den Artus dann aus Holbeins "Die Gesandten" herbeischafft, wirkt dies doch etwas zusammenhanglos. Davon abgesehen bietet "Artus jagt das Kunst-Phantom" für Kinder eine innovative und empfehlenswerte Möglichkeit der "Erstbegegnung" mit Werken der bildenden Kunst.

Michael Schacht

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