Kunstpädagogische Sichtweisen im Zeitalter der Virtualität

Zacharias, Wolfgang (Hg.): Interaktiv - Im Labyrinth der Möglichkeiten. Die Multimedia-Herausforderung, kulturpädagogisch. Schriftenreihe der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung, Band 42. Remscheid: BKJ 1997; ISBN 3-924407-52-5; DM 24,-

Die Lebenswelten Heranwachsender verändern sich durch die Neuen Medien; Orientierungen gehen verloren, neue ästhetische Partizipationsmöglichkeiten müssen erst erkundet werden. Sah man sich diesbezüglich 1995 noch im 'Labyrinth der Wirklichkeiten' - so der Titel der Münchner 'Interaktiv'-Tagung, in dem man sich im Spannungsfeld von Realität und Virtualität Wege bahnen musste, so fand man sich im Jahr darauf im 'Labyrinth der Möglichkeiten' wieder.

Die vorliegende Publikation fasst auf 422 Seiten die 50 Ariadnefäden vergleichbaren Beiträge und Ergebnisse der Tagung von 1996 zusammen, wobei es nicht darum geht "kritisch distanziert oder mit Zeigefingerpessimismus" (S. 14) einem Medium zu begegnen, sondern praxisnah "einen modernisierten 'Lebensweltansatz' für pädagogisches Handeln mit den Prinzipien der 'Nachhaltigkeit' und 'Zukunftsfähigkeit' " (S. 17 f.) zu erkunden, so der Herausgeber Wolfgang Zacharias.

Unter dem Stichwort 'Zeitdiagnosen' werden im ersten Teil des Buches die Dynamik und Komplexität der digitalen Medien erörtert. Der Stand - oder besser: der Lauf der Dinge wird aus disparaten Blickwinkeln von Kulturphilosophie (Wolfgang Welsch) bis hin zur ästhetischen Erziehung (Klaus-Ove Kahrmann) diskutiert.

Künstlerisch-entdeckende Zugangsweisen greifen die Autoren im Kapitel 'Kunst und Kultur - Digital und online/ offline' auf. Es werden u. a. Bildbearbeitung und Computeranimation (Werner Barg), Musik am Computer (Kai Hoffmann) sowie die Charakteristika der verknüpfenden Hyperlinks hinterfragt (Karl-Josef Pazzini, Torsten Meyer).

'Schöne Aussichten für Bildung, Ästhetik und Spiele?' ist der Titel des dritten Teils. Dabei stehen zu Beginn Analysen bezüglich der Virtualisierung des Bildungswesens im Mittelpunkt (Klaus Haefner, Carl-Peter Buschkühle). Henning Freiberg spricht sich in der Folge dafür aus, "Techniken digitaler Wirklichkeitskonstruktionen als Werkzeuge ästhetischer Erkenntnis und Bildung" (S. 182) einzusetzen. Jutta Ströter-Bender, Andreas Lange und weiter Autorinnen und Autoren legen facettenreich Zugänge zu Computerspielen dar, Klaus Köhnert gibt einen Einblick in die Möglichkeiten des Multimediaeinsatzes in Museen.

Das Kapitel 'Praxis und Projekte' ist mit 23 prägnanten Beiträgen das umfangreichste. Diese Zunahme an Praxisberichten gegenüber der vorangegangenen Veröffentlichung von 1996 verdeutlicht, dass in diesem Bereich inzwischen viele Ideen umgesetzt wurden. Die Autorinnen und Autoren fächern das breite Spektrum der praktischen Einsatzmöglichkeiten digitaler Medien auf. Kritisch beleuchtet werden u. a. das Thema 'Internet', z. B. im schulischen Einsatz (Ernst Wagner), als Kommunikationsressource für pädagogische Einrichtungen (Dieter Glaap), als Plattform für das Kinderkochbuch des Kinder- und Jugendmuseums im Prenzlauer Berg, Berlin, (Karen Hoffmann) oder in der Darstellung einer Mailbox für Kinder im Vergleich zum WorldWideWeb (Christoph Honig). Die Vielfalt der Praxisfelder unterstreichen weiterhin Berichte wie die Darstellung einer interaktiven CD-ROM, die pädagogisch Tätigen einen Eindruck von Medienarbeit bietet (Frank Findeiß) sowie die Beschreibung und Auswertung eines Projektes, das leibliche Naturerfahrung und Multimediapräsentation kombiniert (Günther Klarner). Informationen über relevante Aktivitäten von Institutionen, wie z. B. der Akademie Remscheid, des Zentrums für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe, oder des Computer- und Videospielemuseums in Berlin runden das Bild ab.

Retrospektiv fassen Angelika Bauer, Haimo Liebich und Wolfgang Zacharias die Erfahrungen aus Theorie und Praxis der bisherigen 'Interaktiv'-Veranstaltungen zusammen. Zwischen Kletterinseln und Vernetzung, Mitmachzirkussen und multimedialen Wunderwelten, Senso-Werkstätten und Face-to-Face Videokonferenzen wird deutlich, dass es im Spannungsfeld zwischen 'traditionellen' kunst- und kulturpädagogischen Verfahren und den digitalen Medien noch viel zu entdeckendes Potential gibt. Mit ihren unterschiedlichen Zugangsweisen und heterogenen Ansätzen macht diese Publikation Lust auf 'mehr' und bietet auch Multimedia-Laien einen Einstieg ins Thema.

Michael Schacht

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